Gute Vorsätze, oder: Herr P. aus S. entdeckt die Liebe
In letzter Zeit hatte Herr P. aus S. sich immer wieder Gedanken darüber gemacht, was ihm gut tut und was ihm nicht gut tut. In erster Linie handelte es sich dabei um Gefühle, die mit gewissen Situationen einher gingen.
Als passionierter Bürokrat hatte er sogar eine Tabelle erstellt. „Gut“ und „Böse“ lauteten die Überschriften der beiden Spalten. Damit verfolgte Herr P. die Absicht, beide Gefühls-Dimensionen genauestens voneinander zu trennen und sich im neuen Jahr ganz und gar auf die guten Gefühle zu fokussieren. Die Bösen, bzw. Schlechten, wollte er auf diese Weise nach und nach ganz aus seinem Leben verbannen.
Als Herr P. sich die Tabelle nun so anschaute kamen ihm unwillkürlich Erinnerungen an seinen letzten Urlaub in den Sinn, den er auf Bali verbracht hatte.
Ganz fasziniert hatte er einen Schaukampf zwischen dem guten Gott Barong und der bösen Göttin Rangda verfolgt. Selbstverständlich war er davon ausgegangen, dass der gute Barong gewinnen würde und war ganz verwirrt, als der Kampf unentschieden ausgegangen war.
„Aber einer muß doch gewinnen!“ hatte er vor sich hin gemault. Er hatte es kaum ertragen können, dass an seinem inneren Weltbild derart gerüttelt wurde.
Sein Bild von der Welt sah so aus, dass das Gute immer über das Böse siegen würde. So wurde es ihm ja schon als kleines Kind gelehrt, in den Märchen, die immer ein Happy End hatten. Und auch heute noch mochte er keine Filme oder Romane oder sonstige Geschichten, in denen das Böse siegte, oder schlimmer noch, es sich gar um ein offenes Ende handelte.
Nicht zuletzt wurde ihm dieses Bild Weltbild auch von der Kirche bestätigt. Immerhin hatte Herr P. eine ordentliche, katholische Erziehung genossen.
Na ja, genossen hatte er es eigentlich nicht gerade. Es war eher seine Mutter gewesen, die ihn da hin geschickt hatte, damit aus ihm ein „ordentlicher Mensch“ wird. Für ihn selbst war es mehr eine unangenehme Pflicht gewesen, all die Gebete und Lieder auswendig lernen zu müssen, damit er sie im Gottesdienst schön mit der Gemeinde runter rasseln konnte.
Aber immerhin: Damit hatte er sich selbst vor der Kirchengemeinde (und vor seiner Mutter) als braves Mitglied des „rechten Weges“ erweisen können und sich somit die gesellschaftliche Ehrbarkeit und Anerkennung innerhalb der Gemeinde erworben, woran ihm (oder seiner Mutter?) doch so viel gelegen hatte.
Dieses christlich-katholisch geprägte Weltbild von Herrn P., in dem das Gute über das Böse siegt, so wie Jesus eben dem Teufel widersteht, stand nun ganz im Gegensatz zum Weltbild der balinesischen Hindu-Dharma-Religion, in der das Gleichgewicht zwischen beiden Kräften dargestellt wird.
Herr P. rief sich die Geschichte der Begegnung des guten Jesus mit dem bösen Teufel noch mal in Erinnerung:
„In der berühmten Versuchungsgeschichte erzählt die Bibel, wie Jesus selbst dem Teufel begegnet. Es ereignet sich in der Wüste, der Teufel führt Jesus auf einen hohen Berg. Dort zeigt er ihm alle "Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit", wie es im Matthäusevangelium heißt. Der Teufel sagt: "Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest."
Jesus aber hält dem Bösen ein Zitat aus der Bibel entgegen: "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen!" Damit war die Prüfung bestanden und der Teufel verließ ihn.“
Ein aufregender Gedankenblitz durchzuckte Herrn P.: „Was war es denn nun wirklich, das den Teufel beschwichtigt hat ?“
Immerhin stand da nichts geschrieben, dass der böse Teufel sich der übermäßigen Stärke des guten Jesus gebeugt hätte. Die Rede handelte einzig und allein davon, nur Gott dem Herrn zu dienen. Und dass es auf der Welt nur einen einzigen Gott gibt, ob nun auf Bali oder sonst wo, das wusste Herr P. immerhin sehr genau. „Und für was steht nun dieser Gott in allen Religionen weltweit?“ fragte er sich.
„Die Liebe !...Ist doch klar !“ brach es aus Herrn P. heraus. „Dann war sie es auch, die den Teufel beschwichtigt hatte.“ So passte denn nun auch alles wieder in sein Weltbild.:
„Gott liebt einfach,…..alles und jeden, Rangda und Barong gleichermaßen. Er macht keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, statt dessen vereinigt er sie in der Rolle des Vaters beider Rivalen.
Gott (die Liebe!) ist das scheinbar fehlende Bindeglied zwischen allem, was der Mensch in seinem grenzenlosen Separatismus fein säuberlich von einander getrennt hat. Sie fehlt aber eben nur „scheinbar!“, weil ICH die Liebe in Grenzen hinein gezwungen habe. Eben jene Grenzen, die jeder einzelne Mensch ganz eigenmächtig und individuell-subjektiv, je nach Herkunft und moralischer Erziehung in Gut und Böse, angenehm und unangenehm eingeteilt hat“.
„Puh….das erklärt natürlich vieles“…dachte Herr P. Bisher hatte er noch nicht verstanden gehabt, warum die Menschen weltweit so unterschiedlich sein konnten in Sachen Moral und Gesinnung……Große Welten rund um den Erdball, ....kleine Welten innerhalb seiner erfahrbaren Umwelt,...... und noch kleinere Welten, innerhalb seiner selbst.
Etwas schamhaft musste Herr P. sich sogar eingestehen, dass er selbst die Liebe auf eine Romanze zwischen Mann und Frau reduziert hatte. Das schien ihm aber nach kurzer Überlegung durchaus verzeihbar…..hatte er es doch überall in den Märchen und Filmen und sonstigen Medien ausschließlich so gelernt. Einen darüber hinaus gehenden Aspekt hatte er bisher immer als kitschig-sentimental abgeurteilt. „Was für ein dramtischer Fehler“…..
Nun fiel der Blick des Herrn P. wieder auf seine Tabelle, für die er sich so viel Mühe gegeben hatte und die immer noch lange nicht vollständig war.
Mit einem großen Gefühl der Erleichterung nahm er das Stück Papier, zerriß es in zwei Hälften und warf sie in das lodernde Feuer, das warm im Kamin neben ihm brannte.
Herr P. beobachtete, wie die Papierfetzen sich entflammten und sich in staubige Asche verwandelten. Er nahm den Schürhaken und stocherte in der heißen Glut, bis schließlich die Asche des Papiers nicht mehr von der Asche des Feuerholzes zu unterscheiden war und kehrte an seinen Schreibtisch zurück.
P.S. Anstelle der Fortsetzung der Tabelle schrieb er als Überschrift auf das vor ihm liegende Blatt Papier den Titel: „Wie Jesus im Teufel seinen Bruder erkannte“.
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