Nachdenklich stand Herr P. aus S. vor dem Grab seiner Großmutter. Seit 15 Jahren war sie nun schon tot, und dennoch fühlte er noch heute immer wieder ihre Präsens
Vor allem in Situationen die ihm unangenehm waren kamen ihm Oma´s Ratschläge .
in den Sinn, die sie immer parat hatte, was auch immer im Moment gerade angesagt war.
„Kopf hoch, Junge…..das wird schon wieder!“….wenn er deprimiert war.
„Das ist doch alles nur halb so wild!“……wenn er sich über etwas aufregte.
„Nun bleib aber mal auf dem Teppich!“….wenn er sich überschwänglich freute.
„Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus!“….wenn er weinte.
Und Oma hatte immer Recht! Immerhin war sie eine weise alte Dame mit Format. Ihr konnte keiner ein X für ein U vormachen….so viel hatte sie schon erlebt.
Aber wohin hatten ihn Oma´s Ratschläge geführt?!Wenn Herr P. heute deprimiert war, fühlte er gleichzeitig den Zwang, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Meist stürzte er sich dann in irgend eine Arbeit, um sich von diesem unangenehmen Gefühl abzulenken.……immer mit dem Gedanken im Hintergrund: „Das wird schon wieder!“.
Wenn er sich über etwas aufregte schwächte er das Gefühl ab, indem er sich vor Augen führte, dass alles ja nur halb so schlimm sei und redete sich selbst ein, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen…..wie lächerlich die Aufregung im Grunde genommen doch war….
Wenn er sich freute, schien es ihm unmöglich zu sein, in diesem schönen Gefühl zu verweilen. Es kam ihm so vor als habe er kein Recht darauf.
Besser schien es zu sein, sich mit den Problemen auseinander zu setzen, die immer und jederzeit vorhanden waren…..auch dann noch, wenn er gerade mal aus irgend einem Grund glücklich war. So war die Freude immer nur von kurzer Dauer und ein eher flüchtiges Gefühl am Rande.
Wenn er weinte, fühle er sich erst recht wie ein Versager: Es gab doch gar keinen Grund dazu. Morgen würde die Welt wieder anders aussehen.
Nun wusste Herr P. aber, dass dem nicht so war.
„Was hast Du mir denn da nur immer erzählt?!“….sagte Herr P. nun an Oma´s Grab.
„Immer habe ich Deine Worte im Kopf und siehe da…..alles scheint dadurch umso schlimmer zu werden!“
Herr P. dachte an die Zeit, als seine Großmutter noch jung und er selbst noch gar nicht auf der Welt war. „Ja…das müssen wahrlich bittere Jahre gewesen sein“….grübelte er in sich hinein. „Damals muss es wohl eine große Herausforderung gewesen sein, den Dingen die Stirn zu bieten und sich nicht klein kriegen zu lassen von denen die versuchten, die Leute zu beugen.
Aber das war doch damals!“…..sagte Herr P. zu seiner toten Großmutter.
„Heute sind es neue Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Und Deine Weisheiten von damals hindern mich daran, mich mit ihnen auseinander zu setzen.
Wenn ich heute mal deprimiert bin, habe ich immer einen guten Grund dafür und habe das Recht darauf, mich so zu fühlen.
Dasselbe gilt, wenn ich mich aufrege. Ich bin körperlich völlig gesund und mein Puls kann ruhig mal hochfahren, ohne dass es mich gleich umhaut.
Ich will mich endlich mal wieder freuen können wie ein Schneekönig, ohne irgendwelche Einschränkungen und Hintergedanken.
Und wenn ich weine, dann habe ich auch dafür einen Grund. Was soll daran falsch sein, meinem traurigen Gefühl Ausdruck zu verleihen?“.
Herr P. aus S. fühlte einen gewaltigen Knoten in seinem Bauch, als würde ihm ein schwerer Stein im Magen liegen.
„Deine Ratschläge von damals haben heute keine Aktualität mehr, Oma!“…sagte Herr P. zu seiner Großmutter. „Ich werde ihnen fortan keine Bedeutung mehr schenken! Sei mir bitte nicht böse Oma. Ich weiß, Du hast es immer nur gut gemeint mit mir. Aber heute muss ich endlich mal damit anfangen, unabhängig von dem Einfluss den Du auf mich ausgeübt hast, meinen eigenen Weg zu gehen.“
Daraufhin verabschiedete sich Herr P. und verließ den Friedhof mit langsamen Schritten. Er fühlte sich sehr unwohl, in diesem Ton mit seiner Großmutter gesprochen zu haben.
P.S.: Aus der Ferne vernahm Herr P. die Stimme seiner Großmutter: „Guter Junge!“….hörte er sie flüstern. Herr P. lächelte dankbar.
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